Wer Kindesunterhalt zahlt, kennt den Selbstbehalt — den Betrag, der ihm mindestens bleiben muss. Weniger bekannt ist die zweite Grenze, die in der Düsseldorfer Tabelle direkt daneben steht: der Bedarfskontrollbetrag. Er entscheidet in vielen Fällen darüber, ob der Tabellenbetrag tatsächlich gilt oder ob eine niedrigere Einkommensgruppe angesetzt wird.
Dieser Beitrag erklärt, was der Bedarfskontrollbetrag ist, wie hoch er 2026 in jeder Einkommensgruppe liegt, und rechnet die Herabstufung an einem Fall durch.
Was der Bedarfskontrollbetrag ist — und was nicht
Die Düsseldorfer Tabelle stuft den Unterhalt nach dem bereinigten Nettoeinkommen des barunterhaltspflichtigen Elternteils ein. Je höher die Gruppe, desto höher der Tabellenbetrag. Ohne Korrektiv könnte das dazu führen, dass ein höheres Einkommen fast vollständig in den Unterhalt fließt.
Genau dafür gibt es den Bedarfskontrollbetrag. Anmerkung A.III der Tabelle sagt es wörtlich:
Der Bedarfskontrollbetrag des Unterhaltspflichtigen ist nicht identisch mit dem Eigenbedarf. Er soll eine ausgewogene Verteilung des Einkommens zwischen dem Unterhaltspflichtigen und den unterhaltsberechtigten Kindern gewährleisten. Wird er unter Berücksichtigung auch anderer Unterhaltspflichten unterschritten, kann der Tabellenbetrag der nächstniedrigeren Gruppe, deren Bedarfskontrollbetrag nicht unterschritten wird, angesetzt werden.
Zwei Punkte daraus sind wichtig:
- Er ist nicht der Selbstbehalt. Der Selbstbehalt ist die absolute Untergrenze — er darf nie unterschritten werden. Der Bedarfskontrollbetrag liegt darüber und ist ein Verteilungsmaßstab, keine Existenzsicherung.
- Er wirkt nicht kürzend, sondern einstufend. Unterschritten wird nicht der Unterhalt gekappt, sondern der Pflichtige in eine niedrigere Einkommensgruppe gesetzt. Der Unterhalt sinkt dadurch, aber über den Umweg der Tabelle.
Die Bedarfskontrollbeträge 2026
Alle Werte aus der Düsseldorfer Tabelle mit Stand 1. Januar 2026, herausgegeben vom Oberlandesgericht Düsseldorf. Beträge in Euro, monatlich.
| Gruppe | Bereinigtes Nettoeinkommen | Bedarfskontrollbetrag |
|---|---|---|
| 1 | bis 2.100 | 1.200 / 1.450 |
| 2 | 2.101 – 2.500 | 1.750 |
| 3 | 2.501 – 2.900 | 1.850 |
| 4 | 2.901 – 3.300 | 1.950 |
| 5 | 3.301 – 3.700 | 2.050 |
| 6 | 3.701 – 4.100 | 2.150 |
| 7 | 4.101 – 4.500 | 2.250 |
| 8 | 4.501 – 4.900 | 2.350 |
| 9 | 4.901 – 5.300 | 2.450 |
| 10 | 5.301 – 5.700 | 2.550 |
| 11 | 5.701 – 6.400 | 2.850 |
| 12 | 6.401 – 7.200 | 3.250 |
| 13 | 7.201 – 8.200 | 3.750 |
| 14 | 8.201 – 9.700 | 4.350 |
| 15 | 9.701 – 11.200 | 5.050 |
In der ersten Gruppe steht kein eigener Kontrollwert, sondern der notwendige Selbstbehalt: 1.200 Euro für den nicht erwerbstätigen, 1.450 Euro für den erwerbstätigen Unterhaltspflichtigen. Tiefer als in die erste Gruppe kann nicht herabgestuft werden — dort endet die Tabelle.
Ab der zweiten Gruppe steigt der Bedarfskontrollbetrag zunächst in Schritten von 100 Euro und ab der elften Gruppe deutlich schneller. Das ist kein Zufall: In den oberen Gruppen wächst das Einkommen schneller als der Tabellenbetrag, entsprechend höher darf der Anteil sein, der beim Pflichtigen bleibt.
Wie die Prüfung abläuft
Die Kontrolle ist eine einfache Subtraktion, aber sie wird oft an der falschen Stelle angesetzt.
- Einkommensgruppe bestimmen nach dem bereinigten Nettoeinkommen. Was dabei abgezogen werden darf, entscheidet über alles Weitere — Einzelheiten stehen im Beitrag zum Mindestunterhalt und seiner Berechnung.
- Unterhalt für alle Berechtigten zusammenrechnen. Nicht nur für ein Kind: Die Anmerkung spricht ausdrücklich von „auch anderer Unterhaltspflichten”.
- Vom Einkommen abziehen und mit dem Bedarfskontrollbetrag der Gruppe vergleichen.
- Bei Unterschreitung eine Gruppe tiefer gehen und erneut prüfen — so lange, bis der Bedarfskontrollbetrag der jeweiligen Gruppe gehalten wird.
Ein Punkt, den viele Darstellungen übergehen: Die Tabelle sagt nicht ausdrücklich, ob der Tabellenbetrag oder der tatsächlich gezahlte Betrag nach Kindergeldanrechnung abzuziehen ist. Das Beispiel unten rechnet mit den Tabellenbeträgen, weil die Anmerkung den Vergleich so formuliert. Wird stattdessen mit den Zahlbeträgen nach Kindergeldabzug gerechnet, fällt die Herabstufung geringer aus. Wie das Kindergeld angerechnet wird, steht im Beitrag zum Kindergeld 2026. Im Streitfall lohnt es sich, diesen Punkt ausdrücklich anzusprechen.
Ein Fall, durchgerechnet
Ein erwerbstätiger Vater hat ein bereinigtes Nettoeinkommen von 3.400 Euro. Er ist drei Kindern barunterhaltspflichtig: 4, 8 und 14 Jahre alt.
Erste Einstufung. 3.400 Euro fallen in Gruppe 5 (3.301 bis 3.700 Euro). Die Tabellenbeträge dort: 584 Euro für die erste Altersstufe, 670 Euro für die zweite, 784 Euro für die dritte. Zusammen 2.038 Euro.
3.400 − 2.038 = 1.362 Euro. Der Bedarfskontrollbetrag der Gruppe 5 liegt bei 2.050 Euro. Deutlich unterschritten.
Herabstufung, Schritt für Schritt:
| Gruppe | Unterhalt für drei Kinder | verbleiben | Bedarfskontrollbetrag | gehalten? |
|---|---|---|---|---|
| 5 | 2.038 | 1.362 | 2.050 | nein |
| 4 | 1.952 | 1.448 | 1.950 | nein |
| 3 | 1.868 | 1.532 | 1.850 | nein |
| 2 | 1.783 | 1.617 | 1.750 | nein |
| 1 | 1.697 | 1.703 | 1.450 | ja |
Erst in der ersten Gruppe bleibt genug übrig. Der Vater zahlt also den Mindestunterhalt — 486, 558 und 653 Euro —, obwohl sein Einkommen ihn rechnerisch in die fünfte Gruppe stellt.
Das ist kein Ausreißer, sondern der Regelfall bei drei Kindern. Die Tabellenbeträge sind ausdrücklich auf zwei Unterhaltsberechtigte bezogen; jedes weitere Kind verschiebt die Rechnung. Reicht das Einkommen auch nach der Herabstufung in die unterste Gruppe nicht, liegt ein Mangelfall vor — dann wird nach anderen Regeln verteilt, nachzulesen im Beitrag zur Mangelfallberechnung.
Was das für beide Seiten bedeutet
Für den barunterhaltspflichtigen Elternteil. Die Herabstufung passiert nicht von selbst. Wer mehreren Kindern gegenüber verpflichtet ist, sollte die Kontrollrechnung ausdrücklich vorlegen — sowohl gegenüber dem Jugendamt als auch im gerichtlichen Verfahren. Prüfen lohnt sich besonders nach der Geburt eines weiteren Kindes oder wenn eine neue Unterhaltspflicht hinzukommt.
Für den betreuenden Elternteil. Eine Herabstufung ist kein Entgegenkommen und keine Verhandlungssache, sondern in der Tabelle vorgesehen. Umgekehrt gilt: Sie setzt voraus, dass die anderen Unterhaltspflichten tatsächlich bestehen und erfüllt werden. Eine bloß behauptete Belastung trägt die Herabstufung nicht.
Für beide. Der Bedarfskontrollbetrag ändert sich mit jeder neuen Fassung der Tabelle. Die Werte in diesem Beitrag gelten ab dem 1. Januar 2026; welche Beträge sich sonst geändert haben, steht in der Übersicht zur Düsseldorfer Tabelle 2026.
Zum Schluss
Der Bedarfskontrollbetrag ist der Grund, warum ein höheres Einkommen nicht automatisch zu einem höheren Unterhalt führt. Er wirkt still, weil er in keiner Unterhaltsforderung auftaucht — er verschiebt nur die Zeile, aus der abgelesen wird.
Wer mehrere Kinder zu versorgen hat, sollte die Rechnung deshalb einmal selbst aufmachen. Sie besteht aus einer Subtraktion und einem Blick in die Tabelle.
Dieser Beitrag ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall. Die Düsseldorfer Tabelle hat nach ihrer eigenen Anmerkung A.I keine Gesetzeskraft, sondern ist eine Richtlinie — im Streitfall entscheidet das Familiengericht.
Redaktion smartunterhalt.de — ein Projekt des Sozialrechts-Hilfe Offenbach e.V.
